Eine fotografische Notiz über Wahrnehmung, Erinnerung und die feinen Farbverschiebungen, die Bilder, Räume und Kunstwerke verändern.
Weiß ist für mich immer wieder ein fotografisches Thema — und zugleich eine Herausforderung.
Farben erzeugen Stimmungen. Sie können Wärme ausstrahlen, nüchtern wirken, verklären oder erklären. Manchmal scheinen sie neutral zu sein. Aber auch dieses Neutrale ist nicht selbstverständlich.
Wie weiß ist Weiß?
Dazu gibt es technische Definitionen, Messwerte und Erklärungen. Darum soll es hier nicht zuerst gehen. Mich interessiert die Wirkung: das, was wir sehen — oder zu sehen glauben.
Das Weiß auf meinem Bildschirm
Betrachten Sie einmal die beiden weiter unten gezeigten Flächen.
Die erste Fläche verwendet den digitalen Farbcode #ffffff — reines Bildschirmweiß.
Die zweite Fläche verwendet den Farbcode #fcfcfc — ein fast weißer Ton, der auch den Hintergrund dieser Website bildet.
Der Unterschied ist bewusst minimal. Je nach Bildschirm, Helligkeit und Umgebungslicht sehen Sie ihn vielleicht kaum — oder gar nicht.
Diese Fläche ist digital als #ffffff definiert.
Diese Fläche ist als #fcfcfc definiert — ein fast neutrales, leicht gebrochenes Weiß.
Und doch verändert schon eine solche kleine Verschiebung die Wirkung eines Bildraums: hart oder weich, kühl oder warm, technisch oder ruhig.
Weiß ist deshalb nicht nur ein technischer Wert, sondern immer auch eine Wahrnehmungssituation.
Weißabgleich — eine Erinnerung
Eine frühe Erfahrung damit machte ich in den 1990er Jahren.
Wir reisten nach Frankreich, in die Normandie und die Bretagne. An der Côte de Granit Rose standen wir eines Tages bei gleißender Sonne zwischen rosafarbenen Felsen. Schon auf dem Parkplatz sahen die Steine rötlich aus.
Dann gingen wir durch Saint-Guirec zum Strand.
Plötzlich lag ein rosafarbener Schein über allem: Felsen, Licht, Strand, Mauern, sogar die Luft schien davon berührt. Eine pinkfarbene Zauberwelt.
Ich fotografierte so viel, wie mein Kleinbild-Negativfilm hergab.
Nach dem Urlaub holte ich die Abzüge bei Foto Porst ab. Die Bilder zeigten ordentliche Küstenansichten. Aber sie zeigten nicht das, was ich gesehen hatte.
Was war passiert?
Ich hatte damals auf Farbnegativfilm fotografiert. Das bedeutet: Im Film entsteht zunächst ein negatives Bild. Das fertige Papierbild entsteht erst später im Labor. Dabei entscheidet das Labor — damals oft automatisch oder halbautomatisch — wie Farben und Helligkeiten auf dem Abzug aussehen sollen.
Was ich als rosafarbene Lichtstimmung erlebt hatte, wurde offenbar als Farbstich gelesen und korrigiert. Aus meiner pinkfarbenen Zauberwelt wurden ordentliche, aber ziemlich normale Küstenansichten.
Mit einem Diafilm wäre mir das vermutlich nicht in dieser Weise passiert. Ein Diafilm erzeugt nach der Entwicklung direkt ein positives Bild auf transparenter Folie. Man kann es projizieren oder gegen das Licht betrachten. Seine Farbstimmung wird wesentlich durch den verwendeten Film, dessen Abstimmung auf Tageslicht oder Kunstlicht, die Belichtung und das Entwicklungsverfahren geprägt.
Das hätte das Rosa nicht garantiert. Aber es wäre vermutlich nicht so selbstverständlich auf ein neutrales Papierbild hin korrigiert worden.
Verbindung zu meinen heutigen Arbeiten
Seitdem interessiert mich nicht nur, ob eine Farbe „richtig“ ist, sondern ob sie die wahrgenommene Stimmung widerspiegelt.
Bei meinen eigenen Fotografien betrifft das Nebel, Schnee, Lichtflächen, helle Hintergründe, Hauttöne, Papier, Wände und Schatten. Schon kleine Verschiebungen verändern die Wirkung eines Bildes.
Ein kühleres Weiß kann Distanz schaffen.
Ein wärmeres Weiß kann Erinnerung andeuten.
Ein fast neutrales Weiß kann einem Bild Raum geben, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.
Verbindung zu Magdalena Hohlweg
Besonders aufmerksam werde ich bei Fotografien von Arbeiten der Künstlerin Magdalena Hohlweg.
In Ausstellungssituationen wird besonders sichtbar, wie unterschiedlich Weiß wirken kann. Ein weißer Blazer, eine Wand, ein Passepartout, Aquarellpapier oder ein silberfarbener Rahmen reflektieren Licht jeweils anders. Schon wenige Schritte weiter kann derselbe Raum wärmer erscheinen, gelblicher, weicher oder sachlicher.
Das Beitragsbild zeigt für mich genau diese Spannung: verschiedene Weißtöne im selben Raum. Wand, Kleidung, Passepartout, Papier und Licht erscheinen nicht gleich weiß — und gerade dadurch entsteht die Stimmung der Situation.
Gerade bei der fotografischen Wiedergabe von Kunstwerken ist das entscheidend. Es geht nicht nur um ein schönes Bild, sondern um die Wirkung eines Kunstwerks: um Material, Oberfläche, Weißräume, Wandfarben, Papier, Schatten und die Atmosphäre einer Ausstellungssituation.
Es geht also nicht darum, Weiß einfach technisch zu neutralisieren. Es geht darum, die Wirkung der Materialien, des Raums und des Lichts nachvollziehbar zu erhalten.
Ein zu warmes Weiß kann verklären.
Ein zu kühles Weiß kann die Arbeit härter erscheinen lassen.
Ein automatisch korrigiertes Weiß kann eine Stimmung verlieren, die vor Ort entscheidend war.
Gerade deshalb ist Weiß für mich keine Nebensache.
Es ist Teil der Bildentscheidung.
Das Auge ist kein Messgerät
Auch unsere Wahrnehmung hat eine Art Weißabgleich. Sie passt sich an die Umgebung an. In einem Raum beginnen wir nach einiger Zeit, die hellsten oder neutralsten Flächen als Weiß zu lesen — auch wenn das Licht objektiv wärmer, kühler oder farbstichig ist.
Nach bläulichem Licht, etwa im Schwimmbad oder unter stark kühler Beleuchtung, kann eine Umgebung plötzlich wärmer oder rötlicher erscheinen. Nicht weil sie sich verändert hat, sondern weil unsere Wahrnehmung sich angepasst hat.
Das macht die Beurteilung von Farbe so schwierig.
Unsere Wahrnehmung ist nicht neutral. Sie ist subjektiv, anpassungsfähig und abhängig von Licht, Umgebung und Zeit.
Für die fotografische Beurteilung ist deshalb kontrolliertes Licht wichtig. In der Druck- und Fotobeurteilung werden dafür standardisierte Betrachtungsbedingungen verwendet, häufig D50-Normlicht. Nicht weil es die Wahrnehmung vollständig objektiv macht, sondern weil es die Bedingungen vergleichbarer macht.
Mein Fazit
Vielleicht ist Weiß deshalb für mich weniger eine Farbe als ein Prüfstein.
Es zeigt, wie sehr Fotografie zwischen Technik und Wahrnehmung steht — zwischen dem, was messbar ist, und dem, was bleibt, wenn wir uns an ein Licht erinnern.

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